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Nicht jede Familie ist ein Zuhause

MF
Manuela Frenzel 20.5.2026 • Lesezeit: 6 min
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Vielleicht beginnt Freiheit genau dort, wo ein Mensch erkennt, dass Bleiben ihn in seiner Persönlichkeit langsam verschwinden lässt.

Als ich Deutschland verliess, nahm ich keinen grossen Traum mit mir.

Nur die Hoffnung, irgendwo wieder atmen zu können.

Eigentlich begann mein Weggehen schon viel früher

Meine ersten Schritte ins Arbeitsleben zogen mich nach Norddeutschland, weit entfernt von meinem eigentlichen Zuhause.

Vielleicht fiel es mir deshalb einige Jahre später leichter, mit 30 Jahren, aus Deutschland auszuwandern.

Ich hatte ja früh gelernt, wie es sich anfühlt, neu anzufangen, als ich mein Elternhaus während der Lehre verlies.

Oder als ich allein nach der Lehre nach Norddeutschland zog.

In Norddeutschland gibt es diese alten Bräuche für Frauen, die mit fünfundzwanzig oder dreissig noch unverheiratet sind.

Schachtelkränze.
Klinkenputzen.
Scherze über Frauen, die allein leben.

Lange hielt ich das für harmlose Traditionen.

Bis meine eigene Mutter irgendwann zu mir sagte: „Du willst doch keine alte Schachtel werden?“

Vielleicht war der Satz für sie beiläufig gemeint. Für mich blieb etwas anderes zurück. Das Gefühl, als Frau irgendwann erklärt bekommen zu haben, dass der eigene Wert an Ehe, Kindern und Anpassung gemessen wird.

Und irgendwann kam dieser unterschwellige Druck näher.

Die wiederkehrenden Gespräche beim Familientreffen. Kleine Sticheleien am Arbeitsplatz. Die Blicke.


Diese alten norddeutschen Traditionen, über die viele lachen.

Klinkenputzen mit dreissig.
Schachtelkränze für alleinstehende Frauen.

Vielleicht mögen manche darin Gemeinschaft sehen.

Ich sah darin etwas anderes.

Die öffentliche Erinnerung daran, dass eine Frau ab einem bestimmten Alter offenbar erklären muss, warum sie noch keinen Ring trägt.

Langsam keimte in mir der Wunsch, dieses Umfeld zu verlassen

Ich sah den Widerspruch zwischen dem, was nach aussen gezeigt wurde, und dem, was hinter verschlossenen Türen geschah. Menschen weinten vor mir, wenn alles zu viel wurde. Erzählten von Streit, Überforderung und Enttäuschung. Und trotzdem kamen später dieselben Fragen:

Warum heiratest du nicht?
Warum gründest du keine Familie?
Du bist doch bald dreissig.

Als würde Liebe planbar entstehen.

Ich arbeitete Vollzeit und zusätzlich in zwei Nebenjobs. Nicht aus Ehrgeiz, sondern weil das Leben manchmal genau das verlangt, wenn man früh lernt, auf eigenen Beinen zu stehen.

Gleichzeitig wusste ich:
Ich wollte einem möglichen Partner kein halbes Leben anbieten, weil ich drei Arbeitsstellen hatte.

Bei familiären Grillabenden sitzen und so tun, als wäre genau das immer mein grosser Traum gewesen. Funktionieren, wie es von mir erwartet wird, kannte ich schon aus der Kindheit.

Schon die Vorstellung davon, mein Leben soll so bis ins hohe Alter aussehen, erzeugte innerliche Enge.

Früh habe ich so gelernt, dass Nähe nicht automatisch Geborgenheit bedeutet

Nach dem Verlust meines Vaters mit 5 Jahren und meines Opas , während meiner Ausbildung, veränderte sich vieles in mir.

Es gibt Bilder aus dem Familienleben mit neuem Vater, die ein Kind auch im Alter nie vergisst. Viele Abende in Angst. Vertrauen bekam für mich so früh eine andere Bedeutung. Augenblicke, die sich tief einprägen und still ein Leben begleiten. Ich lernte früh, wie still ein Kind werden kann, wenn ihm niemand glaubt.

Seit damals wusste ich, wie schnell Sicherheit verschwinden kann, selbst in der eigenen Familie.

Vielleicht lernte ich deshalb früh, Situationen zu lesen, bevor ich Menschen vertraute. Ich habe früh erlebt, was manipulative Worte anrichten können.

Und trotzdem versuchte ich weiter, Nähe herzustellen.
Mit kleinen Geschenken.
Mit Aufmerksamkeit.
Mit dem Wunsch, nach einer Umarmung, ein ehrliches Verständnis für mein Gefühl in diesen prägenden Situationen und das Gefühl von Familie doch noch erleben zu dürfen..

Stattdessen blieb die Situation gleich, zu funktionieren und die Aussage kompliziert zu sein.

Ob als Kind, als Jugendliche oder junge Frau ist so eine Situation Gift für die eigene Entwicklung.

Meine Schwester war lange das, was mich noch hielt

Nach dem Tod meines Vaters passte ich früh auf sie auf. Während meine Mutter arbeitete, übernahm ich vieles zuhause. Verantwortung kam früh in mein Leben. Meine kindliche Freiheit kam zu kurz.

Neben meinem Opa war meine Schwester einer der wenigen Menschen, mit denen ich mich verbunden fühlte.

Später holte ich sie nach Norddeutschland und half ihr dabei, einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Ich erinnere mich noch gut daran, wie sie damals zu mir sagte, ich solle das Leben mehr geniessen und weniger arbeiten.

Damals sassen wir oft gemeinsam auf meinem Bett und sprachen stundenlang über das Leben.

Über Freiheit.
Über Beziehungen.
Über Zukunft.

Dann lernte sie ihren heutigen Mann kennen.

Anfangs war sie selbst unsicher, ob sie sich wirklich binden wollte. Doch kurze Zeit später war das erste Kind unterwegs und ihr Leben nahm eine andere Richtung.

Ich erinnere mich noch daran, wie sie sich nach der Freiheit ihres früheren Lebens zurücksehnte. Ich hörte ihr zu, war für sie da und bot ihr meine Wohnung an, falls sie jemals Abstand brauchen würde.

Doch sie entschied sich für ihn und wir sahen uns weniger.
Meine Schwester heiratete.

Ich lernte, dass Menschen manchmal Wege wählen, die sie innerlich hinterfragen.

Ihr Mann machte später mit mir „Eulenschiessen“. Damals wusste ich nicht einmal, was wirklich dahintersteckte. Erst später erklärte mir ein Geschäftskollege von ihm die Bedeutung.

Heute weiss ich:
Spott trifft besonders tief, wenn ein Mensch ohnehin schon darum kämpft, irgendwo dazuzugehören.

Als ich sah, wie er mit meiner schwangeren Schwester umging, sprach ich ihn darauf an. Danach veränderte sich etwas zwischen uns. Von da an sprach er schlecht über mich, über viele Jahre hinweg. Erfahren habe ich es erst später über gemeinsame Bekannte.

Mit der Zeit spürte ich, dass ich auch meine Schwester als vertraute Bezugsperson verlor. Das Leben zog sie weiter in eine andere Richtung. Ehe, Kinder und Familie. Während sie ihren Platz fand, stand ich immer daneben und fragte mich, wo meiner eigentlich sein sollte.

Ich verstand, und das war schmerzhaft, dass ich innerhalb dieser Familienkonstellation vermutlich nie wirklich meinen Platz finden würde.

In mir kam der Wunsch hoch zu gehen.

So wanderte ich aus

Mit zwei Koffern und ein paar Erinnerungen an meine Schwester und meinen Opa. Und dem Wunsch, noch einmal neu anfangen zu können.

Mit Vorfreude und auch etwas Traurigkeit, wegen meiner Schwester.
Und gleichzeitig mit diesem kleinen Funken Hoffnung.

Denn tief in mir gab es immer diesen einen Funken. Der Funke, der ein neues Leben entfachen sollte.

Nach dem, was ich erreichen könnte.

Und vielleicht wünschte ich mir tief im Inneren auch etwas ganz Einfaches:

Menschen, bei denen Liebe nicht an Bedingungen geknüpft ist.
Eine Familie, in der ich mich nicht erklären muss.
Einen Ort, an dem ich gemocht werde, so wie ich bin.
Gespräche, in denen mir niemand erklärt, wer ich sein und wie ich leben soll.

Vielleicht bin ich deshalb gegangen

Um ein Leben zu führen, in dem Liebe nicht verdient werden muss.
Ein Leben, in dem ich nicht erklärt, korrigiert oder kleiner gemacht werde.

Vielleicht wollte ich nicht auswandern. Vielleicht wollte ich nur dort ankommen, wo ich sein darf, wie ich bin.

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Herzlichst, Manuela.

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MF

Geschrieben von Manuela Frenzel

Veröffentlicht am: 20.5.2026
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Manuela Frenzel schreibt, um das Unsichtbare sichtbar zu machen. Sie glaubt an die Kraft von Worten, die ehrlich sind – und an Geschichten, die berühren, ohne laut zu sein. Als Texterin und Digital Publisher hilft sie Menschen, ihre eigene Stimme zu finden – jenseits von Lautstärke und schnellen Trends. Schreiben ist für sie eine Form, die Welt mit anderen Augen zu sehen und das, was oft ungesagt bleibt, in Worte zu fassen.

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