Kursiv Platform Logokursiv.

Das Border Gateway Protocol (BGP) ist mehr als ein bedeutendes Routing-Protokoll – es ist kritische Infrastruktur

Holger Reibold 6.2.2026 • Lesezeit: 4 min
|

Wenn das Internet ausfällt, suchen wir die Ursache oft an den falschen Stellen. Serverprobleme, Cloud-Ausfälle, DDoS-Angriffe – all das sind bekannte Erklärungen. Doch ein erheblicher Teil globaler Störungen hat eine weniger sichtbare Ursache: Fehler im Routing. Genauer gesagt im Border Gateway Protocol, kurz BGP. Ein Protokoll, das selten im Rampenlicht steht, aber darüber entscheidet, ob und wie Netze miteinander kommunizieren.

BGP ist das Protokoll, das autonome Systeme miteinander verbindet. Es sagt nicht, wie Pakete intern weitergeleitet werden, sondern welche Netze grundsätzlich erreichbar sind – und über welche Pfade. Damit steuert es die logische Topologie des Internets. Diese Steuerung ist dezentral, policybasiert und weitgehend vertrauensgetrieben. Genau darin liegt ihre Stärke – und ihr Risiko.

Das Internet wurde nicht für eine Welt entworfen, in der digitale Dienste kritische Abhängigkeiten für Wirtschaft, Verwaltung und Gesellschaft darstellen. BGP entstand in einer Zeit überschaubarer Akteurslandschaften, akademischer Kooperation und technischer Pragmatik. Heute hängt globale Wertschöpfung an Routingentscheidungen, die lokal getroffen werden und dennoch weltweite Wirkung entfalten können. Ein falsch gesetzter Filter, eine fehlerhafte Automatisierung oder eine unglückliche Policy-Änderung reichen aus, um Dienste global unerreichbar zu machen.

Was Routingprobleme besonders tückisch macht, ist ihre Unsichtbarkeit. Für Endnutzer sehen sie aus wie „das Internet spinnt“. Für Betreiber äußern sie sich oft indirekt: Latenzen steigen, Verbindungen werden instabil, einzelne Regionen sind betroffen, andere nicht. Die Ursache liegt dabei häufig außerhalb des eigenen Netzes. BGP kennt keine zentrale Instanz, die Fehler erkennt oder korrigiert. Jede Entscheidung ist lokal korrekt – und kann dennoch global falsch wirken.

Hinzu kommt eine strukturelle Ambivalenz: Viele Routingvorfälle lassen sich nicht eindeutig als Fehler oder Angriff klassifizieren. Prefix Hijacks, Route Leaks oder AS-Path-Manipulationen nutzen dieselben Mechanismen wie legitimes Routing. Ob Absicht oder Versehen – aus Sicht des Protokolls ist beides zunächst nur eine Route. Diese Unschärfe erschwert nicht nur die technische Analyse, sondern auch Verantwortung und Kommunikation.

In den vergangenen Jahren sind wichtige Verbesserungen entstanden. RPKI und Route Origin Validation ermöglichen erstmals eine überprüfbare Ursprungsauthorisierung für IP-Präfixe. Monitoring-Systeme liefern bessere globale Sicht. Initiativen wie MANRS fördern Mindeststandards im Routingbetrieb. Doch all diese Maßnahmen sind optional, fragmentiert und auf freiwillige Adoption angewiesen. Sie verbessern das System, ohne seine Grundlogik zu verändern.

Deshalb ist es hilfreich, BGP nicht nur als technisches Protokoll zu betrachten, sondern als kritische Infrastruktur. Kritisch nicht, weil es ständig ausfällt, sondern weil seine Fehlerwirkungen disproportional sind. Kritisch, weil Verantwortung verteilt ist und nicht zentral durchgesetzt werden kann. Und kritisch, weil Stabilität weniger aus Perfektion entsteht als aus Bewusstsein, Disziplin und Kooperation.

Routing wird auch in Zukunft kein glamouröses Thema sein. Es wird im Hintergrund bleiben, solange es funktioniert. Aber gerade deshalb lohnt es sich, genauer hinzusehen. Wer Internetkonnektivität als Selbstverständlichkeit betrachtet, unterschätzt die Komplexität und Fragilität des Systems dahinter. BGP ist kein Detail. Es ist die Steuerungsebene eines globalen Netzes – und damit eine Infrastruktur, die wir bewusster betreiben müssen, als wir es lange getan haben.

BGP als kritische Infrastruktur - das Buchcover.

Wer sich tiefer mit diesen Zusammenhängen befassen möchte, findet eine ausführliche Analyse im Buch „BGP als kritische Infrastruktur – Warum Routingfehler globale Ausfälle verursachen – und wie man sie beherrscht“. Es beleuchtet das Border Gateway Protocol aus technischer, operativer und organisatorischer Perspektive und richtet sich an alle, die Internet-Routing nicht nur konfigurieren, sondern verstehen und verantwortungsvoll betreiben wollen. Das Buch verbindet Grundlagen mit Praxis, Sicherheitsmechanismen mit ihren Grenzen und technische Realität mit Fragen von Governance und Verantwortung.

 

Bibliografische Angaben

Titel: BGP als kritische Infrastruktur

Untertitel: Warum das Routingfehler globale Ausfälle verursachen - und wie man sie beherrscht

Autor: Holger Reibold

Verlag: Brain-Media.de

Erscheinungsjahr: 2026

ISBN: 978-3-95444-312-3

Umfang: 170 Seiten

Preis: 19,99 EUR

  

Über den Verlag

Brain-Media.de ist ein auf IT- und Technologiethemen spezialisierter Fachverlag mit Schwerpunkt auf praxisnaher Wissensvermittlung für professionelle Anwender.

 

Über den Autor

Dr. Holger Reibold ist Informatiker und publiziert seit über 30 Jahren zu Internet-, Netzwerk- und Open-Source-Themen. Er gehört zu den prägenden Stimmen der deutschen IT-Fachszene und hat sich durch zahlreiche erfolgreiche Fachbücher und Publikationen einen Namen in der Branche gemacht. In seiner Rolle als Key Account Manager beim Internet Service Provider intersaar GmbH ist er unmittelbar mit den praktischen Herausforderungen des Internetbetriebs und des Interdomain Routings konfrontiert. Diese Verbindung aus langjähriger theoretischer Auseinandersetzung und aktueller operativer Praxis prägt die Perspektive dieses Buches.

|

Kommentare

Was denkst du?

Melde dich an um deine Gedanken zu teilen.

Geschrieben von Holger Reibold

Veröffentlicht am: 6.2.2026
Profil ansehen

Ich bin IT-Journalist und Key Account Manager bei einem IT-Dienstleister. Wenn ich nicht mit IT-Kram beschäftigt oder meiner Familie unterwegs bin, spiele ich E-Gitarre, Saxophone oder stehe auf dem Surfbrett.

Wolltest du auch schon mal einen Artikel schreiben?

Mehr Stories von Holger Reibold

KI-Governance ist keine Compliance-Übung – sie ist eine Führungsfrage

Künstliche Intelligenz ist in Unternehmen angekommen. Nicht als Experiment, nicht als Zukunftsprojekt, sondern als operative Realität. Sie priorisiert Kunden, bewertet Risiken, filtert Bewerbungen und beeinflusst strategische Entscheidungen. Und doch wird KI in vielen Organisationen weiterhin behandelt, als sei sie ein IT-Werkzeug unter vielen.

4.2.2026 Lesezeit: 3 min

Warum KI-Sicherheit nicht an Prompts scheitert – sondern an Annahmen

KI ist längst im Alltag angekommen: im Kundenservice, in HR-Prozessen, in Wissensdatenbanken, in internen Copilots. Und trotzdem bleibt ein blinder Fleck erstaunlich stabil: Viele Organisationen behandeln KI-Sicherheit wie ein Prompt-Problem. Ein paar Guardrails, ein paar „Do not“-Regeln, ein paar Tests mit klassischen Jailbreak-Prompts – fertig.

2.2.2026 Lesezeit: 3 min

KI Incident Response – Sicherheitsvorfälle in KI-Systemen erkennen, eindämmen und beherrschen

Künstliche Intelligenz ist längst nicht mehr nur ein Innovationsprojekt. In vielen Unternehmen steuert sie Prozesse, bewertet Risiken, unterstützt Entscheidungen oder interagiert direkt mit Kundinnen und Kunden. Genau deshalb verschiebt sich die zentrale Frage: Nicht ob es mit KI zu Vorfällen kommt, sondern wann – und wie professionell Organisationen darauf reagieren.

26.1.2026 Lesezeit: 4 min

Kognitive Leichtigkeit im Design: Warum einfache Layouts oft mehr überzeugen

Wer schon einmal zwei Flyer, zwei Landingpages oder zwei Broschürenseiten nebeneinandergelegt hat, kennt das Phänomen: Ein Entwurf wirkt sofort „stimmig“, der andere trotz guter Inhalte irgendwie anstrengend. Häufig liegt das nicht an der Botschaft selbst, sondern daran, wie leicht sie sich verarbeiten lässt. In der Gestaltungspsychologie wird das als kognitive Leichtigkeit (Processing Fluency) beschrieben: Was unser Gehirn schnell und mühelos entschlüsseln kann, fühlt sich gut an – und wird tendenziell positiver bewertet.

25.1.2026 Lesezeit: 4 min

VirtualBox-Cloud: Der Einstieg in Cloud-Nutzung aus der Desktop-Virtualisierung

Virtualisierung ist längst kein Nischenthema mehr. Wer Software testet, Schulungsumgebungen bereitstellt, neue Betriebssysteme evaluiert oder schlicht unterschiedliche Workloads sauber trennen will, kommt an virtuellen Maschinen kaum vorbei. Gleichzeitig ist „Cloud“ für viele Teams zum Standard geworden – allerdings nicht immer mit einem klaren Einstiegspfad. Genau an dieser Schnittstelle setzt VirtualBox an: als vertraute Desktop-Virtualisierung, die sich zunehmend in Richtung Cloud-Workflows öffnen lässt. Das Buch „Virtuelle Maschinen mit VirtualBox 7.x“ von Holger Reibold zeigt praxisnah, wie dieser Übergang gelingt – ohne Tool-Zirkus und ohne unnötige Komplexität.

25.1.2026 Lesezeit: 3 min

Alles von Holger Reibold ansehen

Beliebte Stories auf Kursiv

Mein "Warum ich schreibe"

Ich schreibe, um das Unsichtbare sichtbar zu machen.

MF

Manuela Frenzel 14.3.2025 Lesezeit: 2 min

Das Geldsystem

ZITAT DER GEBRÜDER ROTHSCHILD ZUM GELDSYSTEM VON 1863:

B M K 29.2.2024 Lesezeit: 3 min

Strategie trifft Nachhaltigkeit - oder -Warum ist ein Business Netzwerk der schlüssel zum Nachhaltigen Erfolg

Business Networking: Der Schlüssel zu langfristigem Erfolg

Dittmar Wilfling 24.3.2025 Lesezeit: 3 min

1-07/06 kleines Erwachen

Wenn man in einer fremden Stadt durch die Straßen schlendert und jede Straße, jeder Platz neu und genau deswegen so flüchtig ist, dann gibt es diesen Moment in dem man aus einer neuen Richtung wieder auf einen altbekannten Weg zurückfindet - es fühlt sich an wie ein kleines Erwachen.

JG

Jo Goe 8.6.2025 Lesezeit: 1 min

Strategie trifft Nachhaltigkeit - oder: Nachhaltigkeitsstrategie für StartUps: Sinnvoll oder Überbewertet?

Nachhaltigkeit für StartUps? Bist du verrückt, da besteht ja kein Markt. So oder so ähnlich waren die Reaktionen meines Umfeldes, als ich meine Firma, Environdly (https://www.environdly.com), gegründet habe. Immerhin scheint es auf den ersten Blick für viele frischgebackene Gründer einem Luxusproblem zu sein – wie etwas, um das man sich kümmern kann, wenn die Firma erst einmal läuft. Wer hat denn auch Zeit, sich Gedanken über CO₂-Bilanzen Lieferketten und Prozesse Gedanken zu machen, wenn man gerade versucht, die ersten Kunden zu gewinnen, das Produkt zu verbessern und irgendwie schwarze Zahlen zu schreiben? Ich war immer schon der Überzeugung, und damit bin ich nicht allein, dass diese Gedanken zu kurz gegriffen sind. Die Frage muss lauten, „Wer hat das Geld und die Zeit die Prozesse nicht von Anfang an zu optimieren und Nachhaltigkeit neu zu denken?“. Wenn der Laden mal läuft, erweist es sich häufig al schwierig und kostenintensiv Prozesse und Strukturen neuzudenken und zu gestalten. Außerdem ist ernstgenommene Nachhaltigkeit schon lang mehr kein Nice-to-have sondern zusehends ein Must-have und kann der entscheidender Erfolgsfaktor sein, der Startups den entscheidenden Vorsprung gegenüber den Mitbewerbern gibt.

Dittmar Wilfling 12.11.2024 Lesezeit: 8 min

Neues Jahr - Neues Leben? Neue Rituale zu Gewohnheiten werden lassen.

Zu Neujahr werden besonders gerne gute Vorsätze gefasst: Mehr Sport, gesünder Essen, abnehmen, kein Alkohol, kein Rauchen… die Liste kann endlos so weiter gehen.

Anja Groß 14.1.2024 Lesezeit: 4 min