Das Border Gateway Protocol (BGP) ist mehr als ein bedeutendes Routing-Protokoll – es ist kritische Infrastruktur

Wenn das Internet ausfällt, suchen wir die Ursache oft an den falschen Stellen. Serverprobleme, Cloud-Ausfälle, DDoS-Angriffe – all das sind bekannte Erklärungen. Doch ein erheblicher Teil globaler Störungen hat eine weniger sichtbare Ursache: Fehler im Routing. Genauer gesagt im Border Gateway Protocol, kurz BGP. Ein Protokoll, das selten im Rampenlicht steht, aber darüber entscheidet, ob und wie Netze miteinander kommunizieren.
BGP ist das Protokoll, das autonome Systeme miteinander verbindet. Es sagt nicht, wie Pakete intern weitergeleitet werden, sondern welche Netze grundsätzlich erreichbar sind – und über welche Pfade. Damit steuert es die logische Topologie des Internets. Diese Steuerung ist dezentral, policybasiert und weitgehend vertrauensgetrieben. Genau darin liegt ihre Stärke – und ihr Risiko.
Das Internet wurde nicht für eine Welt entworfen, in der digitale Dienste kritische Abhängigkeiten für Wirtschaft, Verwaltung und Gesellschaft darstellen. BGP entstand in einer Zeit überschaubarer Akteurslandschaften, akademischer Kooperation und technischer Pragmatik. Heute hängt globale Wertschöpfung an Routingentscheidungen, die lokal getroffen werden und dennoch weltweite Wirkung entfalten können. Ein falsch gesetzter Filter, eine fehlerhafte Automatisierung oder eine unglückliche Policy-Änderung reichen aus, um Dienste global unerreichbar zu machen.
Was Routingprobleme besonders tückisch macht, ist ihre Unsichtbarkeit. Für Endnutzer sehen sie aus wie „das Internet spinnt“. Für Betreiber äußern sie sich oft indirekt: Latenzen steigen, Verbindungen werden instabil, einzelne Regionen sind betroffen, andere nicht. Die Ursache liegt dabei häufig außerhalb des eigenen Netzes. BGP kennt keine zentrale Instanz, die Fehler erkennt oder korrigiert. Jede Entscheidung ist lokal korrekt – und kann dennoch global falsch wirken.
Hinzu kommt eine strukturelle Ambivalenz: Viele Routingvorfälle lassen sich nicht eindeutig als Fehler oder Angriff klassifizieren. Prefix Hijacks, Route Leaks oder AS-Path-Manipulationen nutzen dieselben Mechanismen wie legitimes Routing. Ob Absicht oder Versehen – aus Sicht des Protokolls ist beides zunächst nur eine Route. Diese Unschärfe erschwert nicht nur die technische Analyse, sondern auch Verantwortung und Kommunikation.
In den vergangenen Jahren sind wichtige Verbesserungen entstanden. RPKI und Route Origin Validation ermöglichen erstmals eine überprüfbare Ursprungsauthorisierung für IP-Präfixe. Monitoring-Systeme liefern bessere globale Sicht. Initiativen wie MANRS fördern Mindeststandards im Routingbetrieb. Doch all diese Maßnahmen sind optional, fragmentiert und auf freiwillige Adoption angewiesen. Sie verbessern das System, ohne seine Grundlogik zu verändern.
Deshalb ist es hilfreich, BGP nicht nur als technisches Protokoll zu betrachten, sondern als kritische Infrastruktur. Kritisch nicht, weil es ständig ausfällt, sondern weil seine Fehlerwirkungen disproportional sind. Kritisch, weil Verantwortung verteilt ist und nicht zentral durchgesetzt werden kann. Und kritisch, weil Stabilität weniger aus Perfektion entsteht als aus Bewusstsein, Disziplin und Kooperation.
Routing wird auch in Zukunft kein glamouröses Thema sein. Es wird im Hintergrund bleiben, solange es funktioniert. Aber gerade deshalb lohnt es sich, genauer hinzusehen. Wer Internetkonnektivität als Selbstverständlichkeit betrachtet, unterschätzt die Komplexität und Fragilität des Systems dahinter. BGP ist kein Detail. Es ist die Steuerungsebene eines globalen Netzes – und damit eine Infrastruktur, die wir bewusster betreiben müssen, als wir es lange getan haben.

BGP als kritische Infrastruktur - das Buchcover.
Wer sich tiefer mit diesen Zusammenhängen befassen möchte, findet eine ausführliche Analyse im Buch „BGP als kritische Infrastruktur – Warum Routingfehler globale Ausfälle verursachen – und wie man sie beherrscht“. Es beleuchtet das Border Gateway Protocol aus technischer, operativer und organisatorischer Perspektive und richtet sich an alle, die Internet-Routing nicht nur konfigurieren, sondern verstehen und verantwortungsvoll betreiben wollen. Das Buch verbindet Grundlagen mit Praxis, Sicherheitsmechanismen mit ihren Grenzen und technische Realität mit Fragen von Governance und Verantwortung.
Bibliografische Angaben
Titel: BGP als kritische Infrastruktur
Untertitel: Warum das Routingfehler globale Ausfälle verursachen - und wie man sie beherrscht
Autor: Holger Reibold
Verlag: Brain-Media.de
Erscheinungsjahr: 2026
ISBN: 978-3-95444-312-3
Umfang: 170 Seiten
Preis: 19,99 EUR
Über den Verlag
Brain-Media.de ist ein auf IT- und Technologiethemen spezialisierter Fachverlag mit Schwerpunkt auf praxisnaher Wissensvermittlung für professionelle Anwender.
Über den Autor
Dr. Holger Reibold ist Informatiker und publiziert seit über 30 Jahren zu Internet-, Netzwerk- und Open-Source-Themen. Er gehört zu den prägenden Stimmen der deutschen IT-Fachszene und hat sich durch zahlreiche erfolgreiche Fachbücher und Publikationen einen Namen in der Branche gemacht. In seiner Rolle als Key Account Manager beim Internet Service Provider intersaar GmbH ist er unmittelbar mit den praktischen Herausforderungen des Internetbetriebs und des Interdomain Routings konfrontiert. Diese Verbindung aus langjähriger theoretischer Auseinandersetzung und aktueller operativer Praxis prägt die Perspektive dieses Buches.
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Geschrieben von Holger Reibold
Veröffentlicht am: 6.2.2026Profil ansehen
Ich bin IT-Journalist und Key Account Manager bei einem IT-Dienstleister. Wenn ich nicht mit IT-Kram beschäftigt oder meiner Familie unterwegs bin, spiele ich E-Gitarre, Saxophone oder stehe auf dem Surfbrett.
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