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KI-Governance ist keine Compliance-Übung – sie ist eine Führungsfrage

Holger Reibold 4.2.2026 • Lesezeit: 3 min
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Künstliche Intelligenz ist in Unternehmen angekommen. Nicht als Experiment, nicht als Zukunftsprojekt, sondern als operative Realität. Sie priorisiert Kunden, bewertet Risiken, filtert Bewerbungen und beeinflusst strategische Entscheidungen. Und doch wird KI in vielen Organisationen weiterhin behandelt, als sei sie ein IT-Werkzeug unter vielen.

Das ist ein gefährlicher Irrtum.

Denn KI entscheidet nicht nur schneller – sie entscheidet anders. Wahrscheinlichkeitsbasiert, kontextabhängig und oft nicht vollständig erklärbar. Genau darin liegt ihre Stärke. Und genau darin liegt ihr Risiko. Wenn Entscheidungen zunehmend von Systemen vorbereitet oder automatisiert getroffen werden, verschiebt sich Verantwortung. Nicht formal, aber faktisch.

Viele Unternehmen reagieren darauf reflexhaft mit Ethikleitlinien, Compliance-Checklisten oder zusätzlichen Kontrollen. Doch so wichtig diese Instrumente sind – sie greifen zu kurz. Ethik formuliert Werte, Compliance prüft Regeln, Technik optimiert Systeme. Keine dieser Disziplinen beantwortet jedoch die zentrale Frage:

Wer steuert KI-Entscheidungen – und auf welcher Grundlage?

Hier beginnt KI-Governance.

 KI-Governance ist kein weiteres Regelwerk und kein bürokratischer Überbau. Sie ist ein Führungsrahmen für Entscheidungen unter Unsicherheit. Sie setzt dort an, wo klassische Steuerungsmodelle an ihre Grenzen stoßen: bei lernenden, probabilistischen Systemen, deren Wirkung sich erst im Betrieb entfaltet.

Der entscheidende Perspektivwechsel lautet: KI ist keine Technologiefrage. Sie ist eine Entscheidungsfrage.

Sobald KI darüber entscheidet, wer einen Kredit erhält, welche Bewerbungen aussortiert werden oder welche Risiken akzeptabel sind, verlässt sie den rein technischen Raum. Sie greift in normative, strategische und haftungsrelevante Bereiche ein. Und damit dorthin, wo Führung unverzichtbar ist.

Regulatorische Entwicklungen wie der EU AI Act machen diese Verschiebung sichtbar. Der Fokus liegt nicht auf mathematischer Perfektion, sondern auf organisatorischer Steuerungsfähigkeit. Nicht die Frage „Wie funktioniert das Modell?“ ist entscheidend, sondern:

Wissen wir, wo KI entscheidet?

Haben wir festgelegt, welche Entscheidungen delegiert werden dürfen?

Können wir eingreifen, wenn Annahmen nicht mehr tragen?

In der Praxis zeigt sich: Viele KI-Risiken entstehen nicht durch schlechte Technologie, sondern durch fehlende Governance. Verantwortung diffundiert zwischen IT, Fachbereichen, Anbietern und Management. Entscheidungen wirken plausibel, aber niemand fühlt sich zuständig. Genau hier entstehen Haftungs-, Reputations- und Vertrauensrisiken.

Wirksame KI-Governance schafft Klarheit, ohne Innovation zu bremsen. Sie definiert Verantwortlichkeiten, Entscheidungsrechte und Eskalationsmechanismen. Sie denkt KI als soziotechnisches System – eingebettet in Organisation, Anreize und Nutzungskontexte. Und sie wirkt kontinuierlich über den gesamten Lebenszyklus hinweg, nicht nur bei der Einführung.

Das erfordert keinen tiefen technischen Detailblick, sondern Orientierung auf Managementebene. Führungskräfte müssen keine Modelle erklären können. Aber sie müssen erklären können, warum KI eingesetzt wird, wo ihre Grenzen liegen – und wer Verantwortung trägt.

Genau darum geht es in meinem Buch „KI-Governance für Manager“. Nicht um Algorithmen, sondern um Führung. Nicht um Kontrolle um der Kontrolle willen, sondern um Entscheidungsfähigkeit in einer Welt, in der Systeme immer häufiger mitentscheiden.

Algorithmen werden besser entscheiden.

Ob Unternehmen dabei besser geführt werden, ist eine Frage der Governance.

 

Der unverzichtbare Ratgeber für Führungskräft: KI-Governance für Manager.

Bibliografische Angaben

Titel: KI-Governance für Manager

Untertitel: Strategische Steuerung, Risikoabsicherung und Vertrauen in KI-Systeme

Autor: Holger Reibold

Verlag: Brain-Media.de

Erscheinungsjahr: 2026

ISBN: 978-3-95444-308-6

Umfang: 220 Seiten

Preis: 16,99 EUR

 

 Über den Autor

Autor ist der Informatiker Dr. Holger Reibold, der seit über 30 Jahren zu Internet- und Open-Source-Themen publiziert. Reibold gilt als Urgestein der deutschen IT-Szene. Er hat sich durch unzählige Beststeller in den vergangenen Jahren einen Namen in der Branche erarbeitet. Als Key Account Manager eines IT-Dienstleisters hat er unmittelbare Einblick in die Entwicklung von KI-Systeme und kennt die sicherheitsspezifischen Herausforderungen aus der Praxis.

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Geschrieben von Holger Reibold

Veröffentlicht am: 4.2.2026
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Ich bin IT-Journalist und Key Account Manager bei einem IT-Dienstleister. Wenn ich nicht mit IT-Kram beschäftigt oder meiner Familie unterwegs bin, spiele ich E-Gitarre, Saxophone oder stehe auf dem Surfbrett.

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