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Deutschlands Neuerfindung: Poschardts Appell und Lektionen aus Europa

HG
Hans Gehrts 29.4.2026 • Lesezeit: 5 min
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Ulf Poschardts WELT-Kommentar „Zurück zu wirtschaftlicher Stärke“ schlägt Alarm: Deutschland brauche eine radikale Kalibrierung – weg vom „fetten Staat“ mit über 50% Staatsquote, hin zu Ludwig Erhards Marktwirtschaft 2.0 mit Robotik, Fracking und KI. Sein Drei-Punkte-Programm (Energie umkrempeln, Sozialstaat neu definieren, Staat verkleinern) basiert auf Daniel Stelters „Absturz“ und plädiert für Steuersenkungen, Bürokratieabbau und Anreize statt Moralpredigten. Lasst uns das mal außeinandernehmen.

Online-Reaktionen: Polarisierung pur – Eine Analyse

„Wird der Artikel irgendwo im Internet auf Webseiten oder Foren diskutiert?“ – Die Antwort ist ja, aber polarisierend. Auf Reddit (r/PolitikBRD: 150+ Comments, r/Staiy: 200+ Upvotes) dominiert Ablehnung:

  • auf r/PolitikBRD:

    • Top Kommentare sind „Pro-Reichen-Agenda, Ungleichheit fördern“

    • 150 Comments, 300 Upvotes

  • auf r/Staiy:

    • „Springer-Ideologe, Staatsquote-Missverständnis

    • 250 Upvotes, Sarkasmus hoch

Der X/WELT-Post bekam 608 Likes, 66 Replies („Hausfrau vs. Sozialstaat“), die Instagram-Reels bekamen 1.000+ Views, Debatten um „Shitbürgertum“.... aber wenig Nuancen, viel Polemik – links: „Neoliberal“; rechts: Zustimmung. Und die Mitte? Gibt's die überhaupt noch?

Aber schauen wir erstmal weiter:

Welche Alternativvorschläge werden in der Diskussion genannt

In den Diskussionen zu Poschardts Artikel werden Alternativen zu seinem marktwirtschaftlichen Neustart selten detailliert ausgearbeitet, stattdessen dominieren Kritik an seiner "rechtsliberalen Agenda" und Gegenideen aus linken oder keynesianischen Perspektiven. Häufig genannte Vorschläge zielen auf mehr Staat statt Abbau.

Linke Alternativen

Reddit-Nutzer in r/PolitikBRD und r/Staiy fordern höhere Vermögens- und Erbschaftssteuern, Reichensteuer oder EU-weite Konzernsteuern als Kontrast zu Poschardts Steuersenkungen für Topverdiener. Statt Sozialabbau plädieren sie für Ausbau von Bürgergeld und Mindestlohn.

Keynesianische Ideen

In Medienkritiken wie Makroskop oder taz schlagen Autoren staatliche Investitionen in Infrastruktur, Bildung und Grüne Energiewende vor – finanziert durch Schuldenaufnahme statt Sparpolitik. Ziel: Nachfrage ankurbeln statt Angebotspolitik.

Andere Reformvorschläge

Podcasts wie "Make Economy Great Again" erweitern zu einem 8-Punkte-Plan mit Fokus auf Energieunabhängigkeit (z. B. mehr Fracking), aber Kritiker kontern mit EU-Klimazielen und Subventionen für Erneuerbare. Wenige nennen Schweiz-Modell positiv, die meisten sehen Poschardts "schwäbische Hausfrau" als zu radikal.

Schweizer Modell? Vielleicht sollten wir uns das mal etwas Genauer anschauen:

Das Schweiz-Modell beschreibt ein dezentrales, basisdemokratisches System mit niedriger Staatsquote (ca. 32% des BIP 2024/2026), kantonaler Steuerautonomie und Fokus auf Subsidiarität, wo der Staat nur das übernimmt, was lokale Ebenen nicht leisten können. Es priorisiert Effizienz, Innovation und direkte Demokratie (Volksabstimmungen) statt zentraler Planung.

Kernmerkmale

Line graph of Switzerland's real GDP per capita from 1851 to 2018 ( https://en.wikipedia.org/wiki/Economy_of_Switzerland ).

  • Föderalismus und Steuern: Bund, Kantone und Gemeinden erheben Steuern unabhängig; Bund nur mit Verfassungsermächtigung (periodisch per Urne bestätigt). Niedrige Unternehmenssteuern, hohe kantonaler Wettbewerb fördern Attraktivität für Firmen.

  • Sozialstaat: Schlank, privatwüchig (z. B. Krankenversicherung obligatorisch privat), mit Mindestsicherung; keine hohen Umverteilungen.

  • Wirtschaft: Spezialisierung auf High-Tech, Pharma, Finanzen; geringe Bürokratie, stabile Politik durch Konsens.

Das BIP pro Kopf stieg kontinuierlich, mit starkem Wachstum seit 1950er.

Funktioniert es gut?

Ja, es erzielt überlegene Ergebnisse: Höheres BIP-Wachstum (1-1,3% prognostiziert 2026 vs. Deutschlands Stagnation), niedrige Arbeitslosigkeit (~2-3%), Schuldenquote ~24%, Haushaltsüberschuss. Im Vergleich zu Deutschland (Staatsquote >50%) wächst Schweiz pro Kopf doppelt so stark, dank besserer Rahmenbedingungen und Digitalisierung (Platz 5 vs. DE 23).

Herausforderungen

Reformstau (z. B. Föderalismus-Aushöhlung), alternde Gesellschaft und sinkende Beteiligung testen das System; dennoch bleibt es stabil durch Volksrechte. Kritiker sehen Ungleichheit (Gini-Index höher als DE), aber Wohlstand kompensiert:
https://sichtweisenschweiz.ch/gesellschaft/warum-das-politische-system-der-schweiz-zukunft-hat/

https://es.unisg.ch/de/blog/swissness-im-wandel-warum-die-schweizer-konsensdemokratie-jetzt-mutige-reformen-braucht/

https://www.handelszeitung.ch/politik/die-schweiz-ist-ein-vorbild-fur-deutschland-699401

Es ist also nicht alles Gold, was glänzt... die Frage, welche

steuerlichen Nachteile das Schweiz-Modell für Bürger

hat drängt sich auf.

Das Schweiz-Modell hat für normale Bürger (Mittelstand, Familien) vor allem relative Nachteile durch hohe private Abgaben und regressive Elemente, die den Steuerwettbewerb zwischen Kantonen begünstigen. Gesamtbelastung bleibt aber niedriger als in Deutschland (z. B. 23-28% vs. 40-48% für Alleinstehende/Familien).

Hohe private Abgaben

Krankenkassenprämien sind einkommensunabhängig pro Person (ca. 400-600 CHF/Monat), belasten Familien und Geringverdiener stärker (bis 10-15% des Einkommens). AHV/IV/EO-Beiträge sind degressiv: Mittelstand zahlt prozentual mehr als Topverdiener.

Kantonale Ungleichheit

Steuersätze variieren extrem (z. B. Zug 22% Top-Satz vs. Genf 45%); Mittelstand in Hochsteuerkantonen (Genf, Basel) zahlt effektiv höhere Einkommensteuern als erwartet. Pauschalierung für Reiche in manchen Kantonen erhöht Ungleichheit.

Vermögens- und Erbschaftssteuer

Niedrige Sätze (0,1-1‰), aber für Mittelstand mit Immobilien spürbar; begünstigt Vermögensreiche, die Einkünfte optimieren. Heiratsstrafe bei ungleichen Einkommen verschärft Belastung für klassische Familienmodelle.

Gesamtbewertung

Progression bei Einkommensteuern existiert, doch Totalsteuern/Abgaben sind "verteilungsneutral" – Mittelstand trägt disproportional Soziallasten, während Reiche profitieren. Kritik: Fördert Ungleichheit (Top-1% hat 45% Vermögen).

https://auswanderluchs.ch/vergleich-von-steuern-und-abgaben-deutschland-und-schweiz/

https://baumanneconomics.ch/2025/07/27/2403/

https://auf-in-die-schweiz.de/magazin/standort-schweiz-vs-deutschland-unternehemenssteuern-vergleich/

https://www.infosperber.ch/politik/schweizer-steuerpolitik-foerdert-ungleichheit-statt-ausgleich/

https://www.netzwerk-steuergerechtigkeit.de/wp-content/uploads/2024/04/Besteuerung_Reichtum_Schweiz-.pdf

https://auf-in-die-schweiz.de/magazin/standort-schweiz-vs-deutschland-unternehemenssteuern-vergleich/

Also steht das Schweizer Modell unter Druck?

Woher? Oder die die Schweizer insgesamt zufrieden? Der Schweizer Föderalismus steht unter Druck durch schleichende Zentralisierung, unklare Kompetenzen und globale Krisen, die schnelle Entscheidungen erfordern. Kantone und Gemeinden protestieren gegen bundespolitische Vorgaben ohne ausreichende Finanzierung oder Mitsprache. uniaktuell.unibe

Zentralisierungstrends

Der Bund übernimmt zunehmend Gesetzgebung (z. B. in Gesundheit, Bildung), während Kantone umsetzen müssen – oft ohne volle Kostenübernahme (Verstoß gegen fiskalische Äquivalenz). Studie (1848-2020): Bund greift in 22 Felder vor, Kantone verlieren Autonomie. srf

Fehlende Mitwirkungsrechte

Kantone haben schwache Kanäle (Vernehmlassungen zu spät, Referenden aufwendig); KDK und Konkordate als Workarounds. Projekt "Entflechtung 27" stockt durch Sparprogramme 2027. uniaktuell.unibe

Externe Herausforderungen

Globale Unordnung (Zölle, KI, EU-Beziehungen) und Reformstau (AHV, Gesundheit) machen Föderalismus zu "Bremsklotz": Langsame Konsenssuche vs. Agilitätsbedarf. Alterung und Kostensteigerungen fördern Bundeszentralismus. avenir-suisse

Interne Konflikte

Wettbewerb um Bundesgelder, Mischfinanzierungen erzeugen Fehlanreize; Kantone als "Lobbyorganisationen". Direkte Demokratie blockiert Reformen.

Zusammenfassung

Der Artikel von Ulf Poschardt wird heiß diskutiert aber es gibt kaum konkrete Vorschläge von anderer Seite... meist sind es typisch Polarisierungen aus den politischen Lagern. Da ich immer offen bin für Vergleiche, ist ein Vergleich mit der Schweiz durchaus einmal sinnvoll. Aber auch dort ist nicht alles "Friede-Freude-Eierkuchen". In einer weiteren Recherche werden wir mal schauen, was die Think-Tanks und Institute zu Poscharts Themen sagen.

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Geschrieben von Hans Gehrts

Veröffentlicht am: 29.4.2026
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Aus Schleswig-Holstein stammender Wahlhesse im Main-Kinzig Kreis. Familiäre Wurzeln in Dithmarschen und Baltikum. Verheiratet mit einer stolzen Litauerin, 2 Kinder, die so langsam genauso nerdy sind wie der Papa. Mitglied einer Gemeindevertretung, aktiv in einer politischen Partei. Ehemals aktiv in der außerschulischen Jugendarbeit in einem deutschlandweiten Verband. Arbeitet bei einem amerikanischen Tech-Konzern im Bereich big-data, AI, IT-Security, Tech-Resilience.

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