Wenn meine Welt stillsteht, dreht sie sich für andere dennoch weiter.

Unverhofft sah ich mich mit diesem harten Fakt der Realität konfrontiert.
Ich traf einen Freund von mir. Besagter Freund war so bemüht mich zu einem Date zu bewegen, dass es für mich schon fast eine Selbstverständlichkeit geworden war. Beinahe drei Jahre lang hat er es unerschütterlich immer wieder probiert. Ich mochte ihn, nur sah ich keinerlei Beziehungspotential zwischen uns und so versuchte ich ihm jedes Mal aufs Neue ehrlich, aber behutsam „Nein“ zu sagen. Als ich ihn einige Monate später wieder sah, zeigte er mir Bilder von einer sehr hübschen Frau. Sie war optisch ein ganz anderer Typ als ich. Ich sagte ihm, dass sie sehr gutaussehend ist und fragte, wer sie ist. Er erzählte mir, dass er sie heiraten wird. Sie waren verlobt.
Ich war schockiert. Mich überkam eine Flut von unerwarteten und unzuordenbaren Gefühlen. Ich habe mich natürlich für ihn gefreut und ihm gratuliert. Er erzählte mir von den vielen Plänen der beiden. Eigentlich ein optimaler Ausgang: zwei Menschen, die sich gefunden haben und unsere Freundschaft, zwischen der nun kein unerfülltes romantisches Bedürfnis mehr stand.
Dennoch ging ich nach unserem Treffen mit einer schrecklichen Trauer und Niedergeschlagenheit ein Stück spazieren. Ich war so erschüttert und konnte mich selbst und diese geballten Gefühle nicht ganz verstehen. Mochte ich ihn doch mehr als ich wahrhaben wollte? War ich egoistischer als ich für möglich gehalten hatte, und würde das Gefühl begehrt zu werden nicht missen wollen? Gönnte ich es ihm nicht, weil ich allein war — ohne Partner, ohne Liebe in Aussicht? Diese Gedanken erschienen mir als Erklärung zwar logisch, aber nicht richtig.
Ich konnte stundenlang nicht aufhören darüber zu grübeln, und plötzlich wurde es mir klar: es war Angst und Verzweiflung, die die Wahrheit mit sich brachte. Mit einem Mal zerplatzte meine Seifenblase, dass alles und jeder auf den Protagonisten (mich) warten würde, wie es mir meine RomComs vorgelebt hatten.
Der Mann, den ich tatsächlich mochte, würde NICHT die Geduld haben und mich nehmen, wenn ich denn endlich bereit bin. Und er würde auch nicht seine Freundin für mich verlassen. Er würde nicht auf sein Happy End verzichten oder es „on-hold“ setzen, damit ich meines bekomme. Wenn ich ständig ein Taxi anrufe, aber es nie wage einzusteigen, kann das Taxi nicht ewig warten. Es muss weiterfahren und sich den nächsten Fahrgast suchen. Vielleicht rufe ich durch Zufall irgendwann dasselbe Taxi, wenn ich bereit bin einzusteigen. Und vielleicht hält es dann auch um mich einsteigen zu lassen. Aber vielleicht fährt es auch einfach an mir vorbei, bereits mit einem anderen Fahrgast auf der Rückbank sitzend. Einer Person, die bereit war einzusteigen.
Auch wenn es nicht mein Ende ist, so fühlte es sich doch kurz wie eines an. Ich erkannte, dass, nur weil ich gerade einen Stillstand erlebte, nicht die ganze Welt und auch nicht die Menschen um mich herum still stehen bleiben würden. Und zwar wirklich nicht. Gewusst habe ich das schon immer, aber so richtig akzeptieren wollte ich das wohl nie. Denn es ist nunmal so. Sie ziehen weiter. Ihr Leben schreitet voran, und das ist wundervoll. Nur erkannte ich, dass niemand auf mich warten würde und auch gar nicht muss. Schon gar nicht jahrelang. Und diese Erkenntnis traf mich wie ein Messer in mein Herz.
Als ich herausfand, weshalb ich so stark reagierte, musste ich mich dem nächsten Problem stellen: ich fragte mich, wann die flehenden Jungen weitergezogen sind und wann ich stehen geblieben war? Wie viele Taxen habe ich gerufen, hatte aber nie den Mut einzusteigen? Und das Wichtigste: wann würde ich mich trauen einzusteigen?
Kommentare
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Geschrieben von Jolina Winter
Veröffentlicht am: 8.11.2026Profil ansehen
Keine innovativen Gedanken. Keine Erfahrungen die noch nie gemacht wurden. Aber eine Frau die sie zum ersten Mal erlebt und auf eine Weise versucht, nicht mehr damit allein zu stehen.
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