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Tatsächlich Liebe

MM
Marco Moscatelli 4.2.2026 • Lesezeit: 3 min
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«Christmas is all around» trällert es, während sich neun Kurzgeschichten ineinander verweben. Ist es tatsächlich immer noch Liebe, den Film Love Actually jedes Weihnachten seit über 20 Jahren wieder anzuschauen?

Neben «Kevin allein zu Hause» und «3 Nüsse für Aschenbrödel» gehört «Tatsächlich Liebe» hierzulande fest zum Weihnachtsinventar. Wir kennen den Film. Wir fühlen ihn.

Wir leiden mit Emma Thompson, wenn sie die Joni Mitchell CD auspackt. Wir wippen im Takt, wenn Hugh Grant hemmungslos auf der Treppe tanzt. Aus dieser einen ikonischen Szene sind so viele Memes entstanden, dass man den ganzen Film problemlos nur mit GIFs nacherzählen könnte.

Die stummen Schilder der Liebesbekundung. Billy Mack mit seinen als Nikolaus verkleideten Background-Sängerinnen. «Tatsächlich Liebe» ist längst Popkultur.

Doch genau wie in der schön verpackten Geschenkbox zeigen sich hier auch die Probleme des Films. «Tatsächlich Liebe» ist weniger zeitlos, als oft behauptet wird. Er wirkt vielmehr wie eine Zeitkapsel der frühen 2000er.

Verzerrtes Frauenbild

Das Frauenbild ist häufig sexualisiert und viele Beziehungen basieren auf klaren Machtgefällen. Dazu kommt Bodyshaming. Sprüche wie «wen muss ich hier flachlegen, um einen Tee zu kriegen» oder Natalies Vater, der sie «Bummelchen» nennt, sind nicht nur aus heutiger Sicht problematisch.

Die Gesellschaft ist sensibler geworden. Unpassend war es aber schon damals. Und genau das ist das eigentlich Ärgerliche: Der Film hätte genauso gut funktioniert, wenn man diese Momente anders geschrieben hätte. Umso erstaunlicher ist, dass die Themen selbst bis heute aktuell geblieben sind. «Tatsächlich Liebe» hätte sie sichtbar machen können – und ihnen zugleich etwas entgegensetzen. Diese Chance liess Regisseur Richard Curtis liegen.

Fehlende Diversität

Ein weiterer Punkt ist die fehlende Diversität. «Tatsächlich Liebe» zeigt fast ausschliesslich weisse Figuren und nur heterosexuelle Beziehungen. Das ist weniger ein Skandal als ein unrealistisches Szenario. Die angedeuteten homosexuellen Neigungen von Billy Mack werden mit einem Schulterklopfen beiläufig abgetan, dass sie kaum zählen dürfen. Ja, das passt zu seiner Figur. Und ja, man kann Richard Curtis zugutehalten, dass er es zumindest versucht hat. Aber wenn ein Film die Vielfalt und Hürden von Beziehungen zeigen will, hätte etwas mehr Mut nicht geschadet.

Starke Figuren

Bei aller Kritik zeigt «Tatsächlich Liebe» auch seine stärksten Momente dort, wo er inne hält.

Emma Thompson stellt sich der Untreue ihres Mannes. Nicht mit grosser Geste, sondern mit Würde. Wie das Ehepaar am Schluss mit der Situation umgeht, ist schmerzhaft ehrlich und nahe an der Wirklichkeit. Auch die Beziehung zwischen Vater und Sohn funktioniert. Liam Neeson und Thomas Brodie-Sangsterals Sam erzählen von Trauer, Verantwortung und davon, wie schwer es ist, wieder nach vorne zu schauen. 

Und dann sind da die Eröffnungs- und Schlussbilder am Flughafen Heathrow. Echte Menschen, echte Umarmungen, echte Freude. Vielleicht sind es gerade diese Momente, in denen «Tatsächlich Liebe» am ehrlichsten ist.

Hoffnungslos romantisch


Was manche kitschig finden, ist genau der Grund, warum «Tatsächlich Liebe» bis heute so geliebt wird. Es ist ein Spielfilm. Eine romantische Komödie. Die darf überzeichnen, überromantisieren und unrealistisch sein. Hollywood oder hier britischer Movie lebt von grossen Gefühlen. Und auch hier gilt: Wir wissen, dass es so nicht funktioniert. Aber wir wollen es für diesen Moment glauben.

Wenn Rowan Atkinson genussvoll die Kette als Geschenk verpackt. Wenn Keira Knightley Mark doch noch küsst und Aurelia wie einst Julia auf dem Balkon den Heiratsantrag von Colin Firth annimmt. Dann geht uns das Herz auf. Jedes Mal.

Vielleicht ist «Tatsächlich Liebe» kein perfekter Film. Aber er erinnert uns daran, warum wir an Geschichten glauben wollen. An Nähe. An Hoffnung. An Liebe.

Genau darum lieben wir «Tatsächlich Liebe». 

Zuerst erschienen auf meinem Blog www.mosci.ch

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Geschrieben von Marco Moscatelli

Veröffentlicht am: 4.2.2026
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zurückhaltend rebellisch * taktvoll unmusikalisch * ernsthaft ironisch * gelb-schwarz * verlierender Brettspielgeek * Film & Serienbinger * Podcaster * schreibt kursiv * zelebriert den #PizzaFriday \o/ www.mosci.ch

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